Was wir sehen

Bild-Texte – im Focus

Was ich damals, 1991, auf dem Bahnhof erlebt hatte prägte das, was ich jetzt sah. Bis ich einen Bahnhof mit spannenden Verzierungen an Pfeilern und Wänden, mit seiner kunstvollen Glashaube, sehen konnte vergingen viele Tage. Jedes mal wenn ich, auf dem Weg von meiner Unterkunft in die Stadt an ihm vor kam ging ich in die große Abfahrtshalle, jedes Mal sah ich den Bahnhof auf eine andere Art, aber erst bei meiner Abfahrt, zehn Tage später, betrat ich sie ohne das die Angst von damals aktiviert wurde.

Der heutige Bahnhof hat nichts mit dem damaligen gemein. Trotzdem fühlte ich eine Angst, die zu einer anderen Zeit gehört. Was ich sehe und fühle, hat wenig mit dem zu tun, was gerade vor meinen Augen liegt. Sehen bedeutet auch das Gesehene mit den Bildern und Gefühlen in unserem Geist abzugleichen. Oft erscheint es mir, als kämen fast alle Bilder und dadurch auch die Gefühle, die sie erzeugen, aus einer nahen oder fernen Vergangenheit. Und dann verschwindet die Gegenwart. Der Bahnhof ist nicht mehr der Bahnhof. Er verwandelt sich in die Erlebnisse, die Ängste und Freuden von damals.

Es ist nicht leicht, es erscheint teilweise unmöglich in den Bahnhof zu kommen, in dem ich geradestehe.

Unsere Wahrnehmung, und alles, was daraus entsteht, also Gefühle, Gedanken und Handlungen, sind individuell. Wenn zwei Menschen ein Bild betrachten, werden sie unterschiedliche Dinge wahrnehmen. Diese Subjektivität beeinflusst natürlich unser Denken und Handeln.

Und unsere Erfahrungen prägen unser Wahrnehmen. Wenn in der Vergangenheit etwas anders geschehen, oder nicht geschehen wäre, würden wir im Jetzt das Jetzt anders wahrnehmen. Wenn es in unserer Gesellschaft oder Gruppe andere „Absprachen“ gäbe, würde wir ebenfalls Dinge anders Beurteilen, anders Wahrnehmen. Das ist natürlich ein Grund warum Menschen aus verschiedenen Kulturen verschieden auf Dinge schauen.

Unsere Wahrnehmen ist also ein Produkt unserer Vergangenheit und dessen woran wir glauben, was wir als richtig und falsch akzeptiert haben. 

 Oft beruht ein Streit darauf das zwei Menschen oder Gruppen auf unterschiedliche Art auf das Gleiche schauen. Das sie buchstäblich verschiedene Dinge sehen.

 Wenn wir uns bemühen, im Augenblick zu bleiben, um Dinge so zu sehen, wie sie sind, ist unser Bemühen auch eine Arbeit für Frieden, da wir Missverständnisse reduzieren. 

 Damit wir Dinge möglichst objektiv wahrnehmen und uns, gerade im Gespräch mit anderen bewusst sind, dass die Anderen möglicherweise eine andere Wahrnehmung haben ist es sehr hilfreich bewusst und wach zu sein. Meditation und Achtsamkeitspraxis ist hier sehr hilfreich. Außerdem lernen wir in einer Meditationspraxis, dass Dinge möglichst unabhängig von unseren Prägungen und Neigungen zu betrachten.

ÜBUNG 1: Suche dir ein Bild aus und betrachte es. Dann achte darauf was du denkst und versuche zu verstehen, woher dieses Denken bei dir kommt. Siehst du ein Fahrrad oder freust dich über einen aktiven Menschen oder siehst du einen der den Verkehr aufhält oder jemanden der anscheinend darauf angewiesen ist eine so niedere Tätigkeit auszuüben? Was siehst du und was in dir führt zu deinen Interpretationen?

ÜBUNG 1: Suche dir ein Bild aus und betrachte es. Dann achte darauf was du denkst und versuche zu verstehen, woher dieses Denken bei dir kommt. Siehst du ein Fahrrad oder freust dich über einen aktiven Menschen oder siehst du einen der den Verkehr aufhält oder jemanden der anscheinend darauf angewiesen ist eine so niedere Tätigkeit auszuüben? Was siehst du und was in dir führt zu deinen Interpretationen?

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