Was wir sehen

Eine Einladung zum anders sehen.

Sehen wir das was wir sehen? Hören wir, was wir hören? Oder sind es vor allem Reflexionen unserer Vergangenheit und unseres denkens an zukünftiges, was unser Wahrnehmen und unser Handeln bestimmt?

Allein das es uns bewusst ist, das wir selten sehen oder hören, was wir wahrnehmen, sei es ein Bahnhof oder ein Mensch, ist sehr hilfreich, um die Beziehung zu uns und die zu Anderen besser zu gestalten. Also ergründen wir doch einmal unser Wahrnehmen.

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Vorgeschichte

Bahnhof Budapest

Die Texte und Bilder entstanden überwiegend auf einer Reise nach Budapest.

Budapest Bahnhof 2024. Als ich am späten Abend aus dem Zug in den fast leeren Bahnhof stieg, hörte verängstigtes Gemurmel hunderter Menschen. Plötzlich standen da wieder die Soldaten, an denen ich mich vorbei schleichen musst. Ohne den Schutz der Bauernfamilie aus Albanien, deren Kind ich auf der langen Fahrt von Thessaloniki hier her irgendwann auf dem Arm hatte, patschte jetzt mit seiner Hand in meinem Gesicht herum. Gibt es ein schöneres Gefühl als Kleinkinderhände, die dein Gesicht erkunden. Viel zu eng war es in den Abteilen. Es gab keinen Boden und keine Fenster, alles war mit Menschen bedeckt. Wir türmten und in vielen Ebenen, am ruhigsten hatten es die in den Gepäckablagen. Ich war wieder im Oktober 1991. Zwei Bahnsteige weiter stand der Zug nach Wien und er fuhr in einer Minute. Mehr als ein paar Minuten würde ich auch im Schutz der lieben Familie nicht unbemerkt bleiben. Und was dann? Was wenn die Soldaten, die trotz der Massen von Passagieren in der Überzahl waren, mich als deutschen erkannten, meinen Ausweis kontrollieren wollten, wie sie es bei allen machten, die an ihnen vorbeikamen? Als hätte er meine Frage gehört nickte der Vater des Babys kurz zur Mitte des Bahnsteiges Zug seine Augenbrauen hoch „Sieh, schau dahin“ sollte das wohl bedeuten. Auf einen Bereich zwischen

Heute war der Bahnhof still. Zwischen zwei Stützpfählen war der Boden rot-braun gefärbt. Am Rand eher braun und trocken, in der Mitte feucht-rot. Ich spürte plötzlich wieder den Druck der Pistole, die ich vor drei Tagen im Nacken hatte, spürte wieder den Schmerz des Schotters, der in meine Haut schnitt, spürte den Stiefel, der mir die Luft nahm. „shpejtë“ , schnell. von der albanischen Familie umringt drängten wir, mit immer mehr Kraft, durch die Menschengruppen vor uns an. Es ist immer noch ein Wunder für mich, dass wir den Zug rechtzeitig erreichten. Die Hülle der Menschen, die in den wenigen Stunden Freunde geworden waren öffnete sich zur Tür des Zuges. Und schon schnitt ein Pfeifen durch die Halle. Eine Gruppe Soldaten wurden auf uns aufmerksam. Albaner an einem Zug nach Wien, waren anscheinend in deren Welt auffällig. Ich legte das Baby in den Arm der Mutter und strich ihm noch einmal mit meinem Zeigefinger über die Wange. „Tschüss, und hab ein gutes Leben. Habt alle ein gutes Leben. Danke, danke, danke“ Sie verstanden meine Worte ebenso wenig wie ich ihre, aber wir wussten was gemeint war, den Augen können auch reden, wenn sie offen sind und sich wirklich begegnen. Schnell verstreute sich die Familie, verschwand in den Massen. Ein Soldat schaute ihnen nach aber die Person, die dort in der Tür des Zuges stand, war von wohl von größerem Interesse. Ich blieb dort gut sichtbar stehen, bis meine Retter im Rauschen der Halle untergetaucht und in Sicherheit waren. Erst dann ging ich von der Tür und schloss sie. Dies war österreichischer Boden, ich hoffte einige Sekunden und dann ruckelte der Zug an. Die Soldaten blieben zurück.

Als ich 33 Jahre später durch den Bahnhof ging, fand ich die Stelle, die mich damals an den Ernst der Situation erinnerte, auf dem Bahnsteig wieder. Zunächst hatte ich den Impuls sie zu fotografieren, als Teil eines Abenteuers zu dokumentieren. Glücklicherweise wurde mir, angesichts dieses Gedankens, vor Ekel, Ekel vor mir, schlecht. Ich drehte mich um und holte mein Gepäck.

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